Ion (Platon)

Der Ion gehört zu den Frühdialogen Platons und entstand nach 399 v. Chr..

Inhalt

Im Ion wird ein Zwiegespräch zwischen Sokrates und Ion, dem ephesischen Rhapsoden, geführt. Der Vortragskünstler kommt von dem Asklepiosfest in Epidauros, wo er auf dem Rhapsodenturnier Sieger wurde, weil er — wie er selber sagt — Homer nicht nur großartig vorzutragen weiß, sondern über ihn auch mit einer unerreichbaren Schönheit zu sprechen versteht. Sokrates fängt nun an, ihn schalkhaft auszufragen; auf seine Fragen gesteht der sehr naive und beinahe kindlich selbstzufriedene Ion, dass er bei der Erwähnung anderer Dichter, zum Beispiel Hesiods, unempfänglich bleibt und nur durch Homer derart in Feuer und Flamme versetzt wird, dass er im Nu so vielerlei von ihm zu sagen weiß, wie kein anderer. Bei näherer Betrachtung erweist sich also sein Können als sehr einseitig und wenig begründbar. Sokrates beweist schließlich, daß die wunderbare Fertigkeit Ions sich nicht auf ein Wissen gründen kann, weil er dann über alles, was in den Bereich der Dichtung fällt, zu reden wüßte; sondern sie ist eine göttliche Gabe, Inspiration, von der er gleichsam trunken spricht. Auch die Dichter verstehen sich nur auf bestimmte Kunstgattungen: ihre Werke zu beurteilen aber vermögen sie nicht einmal so gut, wie der Laie. Auch sie dichten nicht auf Grund eines Wissens, sondern der Inspiration. Dem Magnetstein ähnlich, der einen Eisenring anzieht und so magnetisiert, dass sich an diesen wieder ein Ring hängt, an diesen wieder einer und so weiter, hängt der Dichter an der Muse, der Rhapsode, der Schauspieler, der Chorsänger am Dichter, das Publikum am Vortragenden. Eine zweite Frage ist, worüber Ion von den Aussagen Homer so gut zu urteilen weiß? Über das Wagenrennen kann der Wagenlenker, über die Pferde der Pferdepfleger, über das Weben können die Frauen eine gründlichere Meinung äußern. Ion behauptet schließlich, er spräche über die Kämpfe und die Kriegführung am besten und in ihm als Rhapsoden und dem Sohne des Athen unterworfenen Ephesos wäre ein vorzüglicher Heerführer verloren gegangen, weil er auf diesem Gebiete nicht geltend werden kann. Nachdem der schalkhafte Sokrates Ion so weit gedrängt hat, sich so weit aufzuschwingen, bringt er ihn schließlich mit einer geschickten Wendung dahin, anzuerkennen, dass er kein ungerechter Kunstverständiger, sondern ein von Gott inspirierter Lobredner Homers ist.

Goethe hielt diesen kleinen Dialog für „töricht“. Doch klingen im Dialog Themen an (Dichterinterpretation, Verhältnis von Dichtung und Philosophie, Enthusiasmus), die für Platon von grundsätzlicher Bedeutung sind und in der Poetiktradition kontrovers diskutiert wurden.

Literatur

H. Flashar: Der Dialog "Ion" als Zeugnis platonischer Philosophie. Berlin 1958

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