Der Stellvertreter

Das umstrittene Drama Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth behandelt den erfolglosen Versuch des SS-Offiziers Kurt Gerstein, mit Unterstützung des (fiktiven) Jesuitenpaters Riccardo Fontana den damaligen Papst Pius XII. zu einem öffentlichen Protest gegen die Judenvernichtung zu veranlassen. Als detaillierte Augenzeugenberichte Kurt Gersteins aus den Konzentrationslagern zunächst beim päpstlichen Nuntius in Berlin, dann im Vatikan selbst die erhoffte Wirkung verfehlen, lässt Riccardo Fontana sich in einem Akt existenziellen Protests als "Stellvertreter" eines Papstes, der sich seiner historischen Verantwortung entzieht, zusammen mit den Juden Roms nach Auschwitz deportieren.

Die zentralen Vorwürfe gegen die Haltung Pius XII., in denen Riccardo Fontanas Entschluss zum Martyrium manifest werden, lauten (IV. Akt): "Gott soll die Kirche nicht verderben, nur weil ein Papst sich seinem Ruf entzieht." und "Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, ein solcher Papst ist ein Verbrecher.".

Beträchtliches Konfliktpotential bezieht Hochhuths Werk sowohl aus seinen kontroversen Thesen, darunter die Brandmarkung des ökonomischen und antikommunistischen Kalküls des Papstes sowie die Übertragung der päpstlichen Stellvertreterfunktion auf den Märtyrer Riccardo Fontana, als auch aus der historischen Authentizität, die der Autor durch seine ausgiebige Recherchetätigkeit und die Darstellung von Personen der Zeitgeschichte beansprucht.

Die Uraufführung einer stark gekürzten Fassung des "christlichen Trauerspiels" Der Stellvertreter durch den Regisseur des politischen Theaters Erwin Piscator im Theater am Kurfürstendamm (Haus der Freien Volksbühne) in West-Berlin am 20. Februar 1963 löste die bis dahin größte und weitreichendste Theaterdebatte der Bundesrepublik aus und sorgte international für erhebliches Aufsehen. Die politische Theoretikerin Hannah Arendt hat beispielsweise das Drama ausdrücklich verteidigt (Persönliche Verantwortung in der Diktatur, Vortrag 1964/65).

2002 verfilmte Constantin Costa-Gavras das Werk u.a. mit Ulrich Tukur, Mathieu Kassovitz und Sebastian Koch.

Literatur

  • Rolf Hochhuth. Dokumente zur politischen Wirkung. Hrsg. und eingeleitet von Reinhard Hoffmeister. München 1980

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