Griechische Finanzkrise

Die griechische Finanzkrise ist eine Haushaltskrise Griechenlands, die mit der Verschuldung des griechischen Staates in der Folge der Finanzkrise ab 2007 zusammenhängt und mit einer Destabilisierung der europäischen Gemeinschaftswährung einher ging. Um einen Staatsbankrott Griechenlands abzuwenden, einigten sich die europäischen Staats- und Regierungschefs auf ein Rettungspaket aus Krediten. Diese werden am Markt aufgenommen und mit einem Risikoaufschlag an Griechenland weitergegeben. Gleichzeitig wurde eine rigides Sparprogramm in Angriff genommen.

Die Griechenlandkrise ging unmittelbar in die Euro-Krise 2010 über, die Notfallmaßnahmen für Griechenland mündeten im Europäischen Stabilisierungsmechanismus.

Ursachen

Entwicklung der Staatsverschuldung mehrerer europäischer Staaten in % des BIP 2002−2009 (deutlicher Anstieg ab der Finanzkrise 2007)

Als wesentliche Ursachen der staatlichen Überschuldung, ausgedrückt z.B. durch das dauerhafte Übergehen der EU-Konvergenzkriterien, werden von verschiedenen Experten gesehen:
Nettoauslandsvermögen in % des Bruttoinlandsprodukts 2008

* Während sich im Euroraum ein einheitliches Zinsniveau herausbildete, blieben die Unterschiede bei Preis- und Lohnveränderungsraten zwischen den Ländern teilweise bestehen. Länder mit hohen Preissteigerungsraten, wie zum Beispiel Griechenland oder Spanien, hatten daher den Vorteil niedriger Realzinsen (Zinssatz abzüglich Preisveränderungsrate). Andererseits nahm die Wettbewerbsfähigkeit aufgrund international divergierender Lohnentwicklungen und nicht möglicher Wechselkursveränderungen innerhalb des Euro-Raums, sowie dem steigenden Euro-Wechselkurs (zum Nicht-Euro-Raum) zunehmend ab.[1][2] Zunächst begünstigten die niedrigen Realzinsen das wirtschaftliche Wachstum in den Ländern mit hoher Preissteigerungsrate. Dies ging jedoch mit hohen Importüberschüssen einher, so dass sich eine (private oder staatliche) Verschuldung gegenüber dem Ausland ansammelte.[2] Durch die gemeinsame europäische Währung ist es der griechischen Volkswirtschaft nicht mehr möglich, auf den Exportdruck mit der Abwertung der eigenen Währung zu reagieren.[3]

* Geringe Staatseinnahmen: Die Steuern in Griechenland wurden in den vergangenen Jahren gesenkt was zu einer Verringerung der Einnahmequote des Staates führte.[4] In Griechenland besteht außerdem eine große Schattenwirtschaft, Steuerhinterziehung ist sehr verbreitet. Es gibt nur eine geringe Kontrolle insbesondere der Unternehmen durch Finanzbedienstete, aber auch Privatpersonen zahlen nur sehr widerwillig Steuern. Das Schönrechnen von Einkommen unter die Steuergrenze und die daraus resultierende Schwarzarbeit hat für den griechischen Staat zwei negative Folgen: Einerseits die entgangenen Steuereinnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe, andererseits wäre die Defizitquote gemessen am BIP, deutlich geringer[5]. Kostas Tsouparopoulos, leitender Wirtschaftsredakteur der Tageszeitung Eleftherotypia, schätzt, dass Steuerhinterziehung und Schattenwirtschaft bis zu 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen (Zum Vergleich: in Deutschland wird die Quote auf etwa 15 Prozent geschätzt).[6] 2007 lagen die effektiven Steuern auf Einkommen aus Gewinnen und Vermögen in Griechenland bei 15,9 Prozent. In Deutschland lag der Satz bei 24,4 Prozent, den Höchstwert in der EU gibt es im Vereinigten Königreich mit 42,7 Prozent.[7] Schätzungen schwanken zwischen zwölf und 30 Milliarden Euro die der Staat einnehmen könnte, also einem Betrag in Höhe von 13 Prozent des BIP. Würden man dieses Geld effizient einsammeln, hätte der griechische Staat einen Haushaltsüberschuss[8].

* Die hohen finanziellen Aufwendungen des Staates während der internationalen Finanzkrise ab 2007 führten zur Unterstützung der Finanzdienstleister. So gab auch die damalige griechische Regierung umfangreiche Garantien für die Banken und unterstützte die Geldhäuser mit neuem Eigenkapital. Durch die Rettungspakete wurden die Bank-Risiken zu Staatsrisiken, dies führte laut einer EZB-Studie bei den Staatsanleihen zu einem stärkeren Anstieg der Risikoprämien als vor dem Ausbruch der Krise.[9]

* Klientelpolitik: Da traditionell die jeweils Regierenden ihre Anhänger in der Verwaltung unterbringen, ist der Staatsapparat personell überdimensioniert. Eine - als erste Maßnahme zur Bewältigung dieser Problematik - erstmals im Juli 2010 durchgeführte Zählung aller staatlichen Angestellten ergab die Zahl von 768.009.[10] Insgesamt sind bis zu 24 % aller Arbeitnehmer im öffentlichen Sektor beschäftigt, viele allerdings nur mit Zeitverträgen.[11] Sie bezogen 14 Monatsgehälter.[12] Die Staatsausgabenquote insgesamt ist in Griechenland allerdings im Vergleich zu anderen Industriestaaten nicht besonders hoch.[4]

Militärbudget eines Landes in Abhängigkeit des BIP. Daten aus Liste der Streitkräfte der Welt

* Ineffizienz und Intransparenz der Staatsausgaben: Ungenügende Kontrollmechanismen bei Auftragsvergaben des Staates machten es möglich, durch gezielte Korruption große Projektvergaben zu manipulieren oder gar deren zum Teil unnütze Initiierung zu erreichen. Belege über umfangreiche Schmiergeldzahlungen belasten zahlreiche deutsche Konzerne[13]. Größere Posten unnötiger Anschaffungen finden sich bei den Rüstungsausgaben, die wegen der Spannungen mit der Türkei größer sind als die der anderen EU-Länder: Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt lag 2007 und 2009 bei sechs Prozent. Insgesamt werden 14 Milliarden Euro jährlich für Verteidigung ausgegeben. Wegen der Schuldenkrise ist für 2010 ein Etat von noch 6,7 Milliarden Euro vorgesehen. Die Regierung hat zugesichert, 2010 höchstens 1,8 Milliarden Euro oder 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Waffenkäufe auszugeben.[12] Die Rüstungsgüter wie U-Boote, Fregatten, Hubschrauber und Kampfflugzeuge werden insbesondere aus Deutschland, Frankreich und den USA bezogen.[14]

* Das Rentensystem: Das Rentenniveau ist insgesamt niedrig, das mittlere Renteneintrittsalter liegt mit 61,4 Jahren im EU-Durchschnitt und die Rentenhöhe liegt unter dem EU-Durchschnitt.[15] Während die Rentensituation für Beschäftigte in der Privatwirtschaft in Griechenland schlecht ist, gelten allerdings für Staatsdiener vergleichsweise großzügige Pensionsregelungen. Sie konnten auch schon vor Erreichen des 50. Lebensjahres in den Ruhestand gehen und eine Pension beziehen. Unverheiratete oder geschiedene Töchter von Beschäftigten des öffentlichen Dienstes erhielten nach deren Tod deren Pension (insgesamt rund 40.000 Frauen – jährlich etwa 550 Mio. Euro). Auch Rentner bezogen 14 Monatsrenten im Jahr.[12]

* Mit Beginn der Finanzkrise in Griechenland stiegen die Zinsen für Staatsanleihen des Landes stark an. Zuvor lagen sie im oberen Mittelbereich der Europäischen Union. Als Griechenland im Herbst 2009 eine Revision der Finanzzahlen ankündigte, zogen Anleger ihr Geld wegen des höheren Risikos aus Griechenland ab.[16] Die Zinsen griechischer Anleihen liegen im zweistelligen Bereich.[17]
Neue Anleihen kann der griechische Staat nur unter der Gewährung hoher Zinsen ausgeben, was zu einer Verschärfung der Belastungen führt.[18]

Chronologie

Bis zum Regierungswechsel 2009

Finanzierungssaldo des Staates in % des Bruttoinlandsprodukts. Nach Ameco-Daten.
Differenz der Zinssätze ab 1998 zu deutschem Zinssatz nach Eurostat.

Eurostat hatte bereits 2004 in einem Bericht festgestellt, dass die von Griechenland übermittelten statistischen Daten nicht stimmen können. Zurückgeführt wurde dies darauf, dass das statistische Amt Griechenlands (ESYE) die ihm vorliegenden Daten falsch ausgewertet hatte und ihm von den Behörden und Ministerien gefälschte Daten geliefert wurden. Deshalb hatte Eurostat im November 2004 einen Bericht über die Revision der griechischen Defizit- und Schuldenstandszahlen veröffentlicht, demzufolge in den Jahren vor 2004 in nicht weniger als 11 Einzelfällen falsche Zahlen gemeldet wurden.[19] Bei einer Besprechung zwischen Eurostat und den griechischen Behörden ESYE und Oberster Rechnungshof kamen die Teilnehmer 2009 zu dem Schluss, dass in Griechenland die institutionellen Rahmenbedingungen nicht garantieren können, dass die statistischen Zahlen gänzlich frei von politischer Einflussnahme sind.[20]
Vom Regierungswechsel zum Ausbruch der Krise


Bei den Parlamentswahlen am 4. Oktober 2009 gewann die PASOK mit einem Stimmenanteil von 43,9 Prozent die absolute Mehrheit der Parlamentssitze. Zwei Tage später wurde Papandreou als neuer Ministerpräsident vereidigt.[21] Er übernahm in seiner Regierung auch das Außenministerium.[22]

Im November 2009 trat Papandreou an die Öffentlichkeit und verkündete die Situation des Staates. Demnach wies Griechenland ein Staatsdefizit von 12,7 Prozent (nach 7,7 Prozent 2008)[23] des Bruttoinlandsproduktes auf. Darüber hinaus droht im Haushaltsjahr 2010 ein Schuldenstand von 121 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (nach den EU-Konvergenzkriterien sind maximal 60 Prozent erlaubt, was allerdings unter dem Einfluss der Finanzkrise ab 2007 2010 nur Zypern, Finnland, Slowenien, die Slowakei und Luxemburg[24] schaffen).

Bereits zum Jahreswechsel 2009/10 schätzte auch der Vorsitzende des EU-Finanzministerrates Anders Borg die Finanzlage in Griechenland als dramatisch ein[25][26][27]. Am 3. Februar 2010 beschloss die Europäische Kommission, den griechischen Haushalt unter EU-Kontrolle zu stellen. Die Regierung in Athen erhielt die Auflage, alle zwei bis drei Monate in Brüssel über ihre Einsparungserfolge Bericht zu erstatten. Bis 2012 muss das Land die Neuverschuldung unter die im Stabilitäts- und Wachstumspakt vorgesehene Marke von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts drücken; das entspricht einer Senkung um 75 Prozent.[28] Bei einem Sondergipfel am 11. Februar 2010 in Brüssel wurde der griechische Ministerpräsident Papandreou zu einer drastischen Sparpolitik aufgefordert, um den Staatsbankrott abzuwenden.[29]

Nach einem Bericht der New York Times vom 13. Februar 2010[30] sollen US-Banken wie Goldman Sachs und JP Morgan Griechenland in den letzten zehn Jahren dabei geholfen haben, das Ausmaß seiner Staatsverschuldung zu verschleiern. So seien neu aufgenommene Kredite als Währungsgeschäfte verbucht worden. Im Gegenzug seien künftig zu erwartende Einnahmen, zum Beispiel aus Flughafengebühren und Lotteriegewinnen, abgetreten worden.[31]

Das Problem verschärfte sich im April 2010 wegen einer erheblichen Preissteigerung für sogenannte „Credit Default Swaps“[32], die als Versicherung gegen den Ausfall von griechischen Staatsanleihen dienen. Dies basierte auf der in den Augen der Marktteilnehmer stark gestiegenen Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz des griechischen Staates.[33] Die Ratingagentur Standard & Poor’s bewertete die Bonität Griechenlands mit BB+/B, Moody’s mit A3 und Fitch Ratings mit BBB- (Stand 27. April 2010)[34]. Der Zinsabstand zwischen deutschen und griechischen zehnjährigen Staatsanleihen beträgt damit ca. 4,5 Prozentpunkte[35].
Drohende Zahlungsunfähigkeit und Hilferuf an IWF und EU [Bearbeiten]

Nachdem die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen im April 2010 auf über 8,5 % angestiegen waren, musste die griechische Regierung am 23. April 2010 um ausländische Finanzspritzen ersuchen mit dem Ziel, eine Insolvenz abzuwenden[36].

Um dem griechischen Staat zu ermöglichen, weiterhin Kredite bei Banken aufzunehmen (um zum Beispiel auslaufende zu ersetzen), akzeptiert die Europäische Zentralbank - vor dem Hintergrund der inzwischen vom Staat eingeleiteten Sparmaßnahmen und internationalen Hilfsprogramme – vom Staat ausgegebene Wertpapiere als Sicherheiten auch dann, wenn diese von den Rating-Agenturen niedrig bewertet werden.[37]
Nach den Maßnahmen


Mit einer Auktion von Geldmarktpapieren und deren Überzeichnung hat Griechenland am 13. Juli 2010 insgesamt 1,625 Milliarden Euro für die Laufzeit von 26 Wochen zu einer Rendite von 4,65 Prozent eingesammelt.[38]

Die griechische Austeritätspolitik traf international auf unterschiedliche Reaktionen. Der IWF lobte Griechenland im Juli 2010 wegen der vom IWF angeordneten Kürzung der staatlichen Ausgaben, der EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn bezeichnete es im August 2010 als eine "beeindruckende Haushaltssanierung".[39][40]

Insgesamt wurden die Staatsausgaben um zehn Prozent zurückgefahren und das staatliche Haushaltsdefizit nahm bis August 2010 deutlich ab. Im Gegenzug nahmen jedoch die Haushaltsdefizite bzw. Insolvenzen im privaten Bereich wie auch die Anzahl der Arbeitslosen (Quotenanstieg von 8,5 auf 12 Prozent) zu. Die Investitionen, das BIP und somit auch die darauf beruhenden Steuereinnahmen sind zurückgegangen.[41] Die Risikoaufschläge auf griechische Staatsanleihen sind auf dem Finanzmarkt wieder angestiegen und haben (Stand: 1. September 2010) fast wieder das Niveau des Höhepunktes der Krise im Mai erreicht.[42]

Der wegbrechende Binnenmarkt und gesunkene Produktionskosten führten auch zu einer stärkeren Exportorientierung der Wirtschaft: Im letzten Quartal 2010 stiegen die Exporte Griechenlands um 35%[43]. Der Trend setzte sich auch im Januar fort: Die Exporte stiegen von 1040,3 Mio. € im Januar 2010 zu 1399,0 € im Januar 2011[44]. Im Rahmen der Krise investiert China in Griechenland. Allein ein Vertrag im Bereich der Handelsschifffahrt hat ein Volumen von 5 Mrd. €, weitere Investitionen betreffen Infrastruktur, Tourismus aber auch die Lieferung von 290 Tonnen Olivenöl im Jahr[45]. Das Investitionsvolumen des Vertrags über die Handelsschifffahrt wurde 2011 auf 10 Mrd. € aufgestockt[46]. Die Haltung der Ratingagenturen blieb bisher abwartend-pessimistisch. Die Bonitätsnote von Standard & Poor's lag Ende März 2011 bei BB-.[47]
Reform- und Sparmaßnahmen

Darstellung des Volumens des Sparpaketes, der Schattenwirtschaft, des BIP und der Staatsverschuldung in einem Balkendiagramm
Sparmaßnahmen


Am 3. März 2010 wurde die Mehrwertsteuer mit Wirkung vom 15. März 2010 von 19 % auf 21 % erhöht und eine Kürzung der Beamtengehälter beschlossen. Dadurch sollen jährlich 4,8 Milliarden Euro eingespart werden[48].

Am 2. Mai 2010 beschloss die griechische Regierung ein mit IWF und EU ausgehandeltes Maßnahmenpaket. Durch folgende Maßnahmen sollen bis 2013 etwa 30 Milliarden Euro eingespart werden[49]:

* Einfrierung der Beamtengehälter über 2000 Euro
* Abschaffung aller Steuerbefreiungen
* Reduzierung der Verwaltungsebenen von fünf auf drei
* Reduzierung der Stadtverwaltungen von derzeit über 1000 auf 370
* Streichung des 13. und 14. Monatsgehalts bzw. der Monatsbezüge[50][51][52]
* Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst: Nur jede fünfte Stelle, die im öffentlichen Dienst frei wird, soll neu besetzt werden. Im Herbst 2011 sollen weitere Stellen gestrichen werden.[53]
* Anhebung des durchschnittlichen Rentenalters von 61,3 auf 63,4 Jahre[50][52]
* nochmalige Anhebung der Mehrwertsteuer von 21 % auf 23 % sowie Erhöhung der Steuern auf Tabak, Spirituosen und Kraftstoff[50][52]

Das griechische Parlament verabschiedete das Sparpaket am 6. Mai 2010[54]

Am 28. April 2010 wurde vom Kabinett der Kallikratis-Plan beschlossen, wonach Verwaltungsausgaben von 1,8 Milliarden Euro[55] jährlich eingespart werden sollen. Geplant ist das 13. und 14. Monatsgehalt der Beamten nicht nur temporär, sondern permanent zu streichen[56].

Mit Sparmaßnahmen sollen 2012 mit einer geplanten Neuverschuldung von 2,8 % die Konvergenzkriterien der EU wieder eingehalten werden.[57][58]

Bekämpfung der Korruption und Schattenwirtschaft


Als einträglich gilt auch die Bekämpfung der Schattenwirtschaft: 65 Milliarden Euro ist die jährliche griechische Schattenwirtschaft schwer. Allein 20 Milliarden Euro werden an Steuern hinterzogen[59]. Trotz radikaler Maßnahmen erweist sich die schnelle Steigerung der Einnahmen des Staates als schwierig, da sich die Umstrukturierung der Steuerbehörden und Gesetzesänderungen erst mittelfristig Erfolg zeigen. So dauert beispielsweise die Ausbildung neuer Steuerfahnder bis zu zwei Jahre.

Der 72-jährige Leandros Rakintzis, seit 2005 Generalinspektor für öffentliche Verwaltung[60], kontrolliert mit 28 Mitarbeitern den Öffentlichen Dienst. Er setzte eine Online-Zählung der Beamten an, wer sich dieser Maßnahme verweigert, bekommt kein Gehalt mehr überwiesen, da es zukünftig von einer Stelle kommt. Im Zusammenhang der Zählung wurden mehrere Straftaten um unter anderem eine nicht existierende Gesundheitsbehörde aufgedeckt.[61] Steuerfahnder setzen auf neue Methoden, so wird Google-Earth benutzt, um ungemeldete Swimmingpools aufzudecken, Nutzer von Luxusautos werden kontrolliert und ihr Einkommen überprüft. Die Namen der Steuersünder werden im Internet veröffentlicht, angefangen wurde mit Ärzten, die teilweise zuvor Einkommen unter dem Existenzminimum deklarierten.[62]

2010 wurde eine Steuerreform durchgeführt. Erstmals gibt es auch Fangprämien und Steuergutschriften für Melden von Korruption oder Steuerhinterziehungen[63] Ab 2012 wird die Pflicht des bargeldlosen Zahlungsverkehrs bei Beträgen über 1500,-€ eingeführt.[64]

Reaktionen der Bevölkerung


In Umfragen unmittelbar vor Abstimmung des Sparpakets im Mai 2010 hatte sich eine Mehrheit der Griechen dafür ausgesprochen.[65] Im November 2010 gewann die regierende sozialistische Partei PASOK auch die zweite Runde der Kommunalwahlen, darunter erstmals nach 20 Jahren wieder die Rathäuser von Athen und Thessaloniki.[66].

Trotzdem kam es zu medienwirksamen Protesten wie Demonstrationen im Stadtzentrum oder der Anbringung von Bannern an der Steilwand der Athener Akropolis. Diese friedlichen Aktionen wurden vornehmlich von den Gewerkschaften und Kommunisten getragen. Dagegen setzten Autonome bei Demonstrationen gegen die Sparpläne am Mittwoch, den 5. Mai 2010, ein Bankgebäude mit Brandsätzen in Brand, wodurch drei Menschen ums Leben kamen.[65]
Rettungspaket von EU und IWF


Am Freitag, den 7. Mai 2010, stimmte der Deutsche Bundestag sowie der Deutsche Bundesrat der Griechenland-Hilfe zu und verabschiedete das Währungsunion-Finanzstabilitätsgesetz.[67] Es wurde noch am selben Tag vom Bundespräsidenten unterzeichnet und im Bundesgesetzblatt verkündet. Weniger als 24 Stunden später wies das Bundesverfassungsgericht Eilanträge gegen das Gesetz zurück.[68] Bei der namentlichen Abstimmung im Bundestag enthielt sich die SPD-Fraktion weitgehend, da die Regierung nicht der Forderung der SPD nachgekommen war, sich für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer stark zu machen. Der deutsche Anteil am 80 Milliarden schweren europäischen Rettungspaket für Griechenland beträgt bis zu 22,4 Milliarden Euro bis zum Jahr 2012. Die Kredite werden Griechenland durch die KfW Bankengruppe gewährt,[69] für die der Bund garantiert.

Der europäische Rat für Wirtschaft und Finanzen hat am 8. Mai 2010 einen Kreditrahmen über 500 Mrd. Euro (27 EU-Staaten) beschlossen.[70] Dazu kommen 250 Mrd. Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Der IWF gewährte Griechenland im übrigen einen Kredit von 26 Milliarden SZR, etwa 30 Milliarden Euro.[71]

Ebenso wurde, da das Problem europäische Ausmaße besitzt, ein Programm zur Stabilisierung des Euros umgesetzt.

Wegen der hohen Verschuldung auch anderer Länder und der zunehmenden Schwierigkeiten, Staatsanleihen dieser Länder an den Finanzplätzen zu akzeptablen Zinsen unterzubringen, versammelten sich deshalb, unmittelbar nach den Griechenland-Beschlüssen vom Freitag schon am darauf folgenden Sonntag in Brüssel die Finanzminister des Euroraums[72]zu einem Folgetreffen, das nicht mehr Griechenland allein, sondern die gesamte Eurozone betraf. Dabei wurde ein gemeinsames Euro-Rettungspaket mit der Gesamtsumme von 750 Milliarden Euro beschlossen. Ferner kündigte die Europäische Zentralbank (EZB) an, Staatsanleihen der Euro-Länder im Notfall mitzufinanzieren.[72]

Schon am 21. Mai 2010 setzte Deutschland als erster Staat auch diese Maßnahmen mit dem Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungsmechanismus vom 22. Mai 2010[73] um.

Einzelnachweise

1. ↑ vgl. Die Zeit, Herdentrieb-Blog: Griechenlands echte Probleme, 11. März 2010
2. ↑ a b Vgl. IMK-Report Nr. 48 Gustav Horn, Silke Tober, Till van Treeck, Achim Truger: Euroraum vor der Zerreißprobe? IMK-Report Nr. 48, April 2010. Dort wird die schwache deutsche Lohnentwicklung auf die Arbeitsmarktreformen insbesondere seit 2000 und die Einführung von Hartz-IV zurückgeführt.
3. ↑ Hans-Boeckler-Stiftung, Mitbestimmung Spezial Eurokrise. Warum der Euro nicht funktioniert, 7,8/2010
4. ↑ a b Financial Times Deutschland: Chefökonom Kolumne – Ehrenrettung für Griechenland, 4. Februar 2010
5. ↑ http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-05/griechenland-korruption-schwarzarbeit
6. ↑ Steuerhinterziehung und Schattenwirtschaft in Griechenland (tagesschau). Abgerufen am 5. Mai 2010.
7. ↑ Eurostat: Taxation trends in the European Union, 2009
8. ↑ blog.handelsblatt.com/global-reporting/2011/02/11/bargeld-lacht-aber-nicht-mehr-in-griechenland
9. ↑ EZB-Studie: Die wahren Ursachen der griechischen Tragödie, Handelsblatt 28. Januar 2010
10. ↑ Die Welt vom 1. August 2010: Das kleine Griechenland hat 768.000 Beamte
11. ↑ Der Spiegel vom 29. April 2010: “Griechen wüten gegen die Prass-Wirtschaft“
12. ↑ a b c FAZ vom 2. Mai 2010: “Wie Griechenland das Geld verschwendet“
13. ↑ http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15117
14. ↑ Christopher Rhoads: The Submarine Deals That Helped Sink Greece. The Wallstreet Journal, 10. Juli 2010.
15. ↑ FR: Kein Volk von Frührentnern und Faulenzern, 3. Mai 2010
16. ↑ Tagesspiegel 11. Mai 2010
17. ↑ Der Spiegel, 26. April 2010
18. ↑ FAZ 26. Januar 2010
19. ↑ REPORT BY EUROSTAT ON THE REVISION OF THE GREEK GOVERNMENT DEFICIT AND DEBT FIGURES, November 2004
20. ↑ BERICHT ZU DEN STATISTIKEN GRIECHENLANDS ÜBER DAS ÖFFENTLICHE DEFIZIT UND DEN ÖFFENTLICHEN SCHULDENSTAND. EUROPÄISCHE KOMMISSION vom 8. Januar 2010, S. 12. Abgerufen am 8. Mai 2010.
21. ↑ Papandreou als neuer Ministerpräsident vereidigt, in: Der Standard, 6. Oktober 2009 (aufgerufen 6. Oktober 2009).
22. ↑ Premier Papandreou auch Außenminister, in: Der Standard, 7. Oktober 2009
23. ↑ Die Haushaltsdefizite der EU-Staaten. Abgerufen am 5. Mai 2010.
24. ↑ Spiegel-Online, abgerufen 6. Mai 2010
25. ↑ Die Macht der Fakelaki. In: 53/2009. Der Spiegel, abgerufen am 5. Mai 2010.
26. ↑ EU-Finanzministerrat: „Griechenland beunruhigt uns sehr“. Abgerufen am 5. Mai 2010.
27. ↑ EU verlangt von Griechenland harte Einschnitte. Abgerufen am 5. Mai 2010.
28. ↑ EU übernimmt Kontrolle über Griechenlands Finanzen. Spiegel Online, 3. Februar 2010, abgerufen am 5. Mai 2010.
29. ↑ „Blätter“, Chronik, 4/2010, S. 126.
30. ↑ Louise Story, Landon Thomas jr., Nelson D. Schwartz: Wall St. Helped to Mask Debt Fueling Europe’s Crisis. New York Times, 13. Februar 2010.
31. ↑ Felix Wadewitz: US-Banken halfen Athen beim Tricksen. Financial Times Deutschland, 15. Februar 2010.
32. ↑ Banks Bet Greece Defaults on Debt They Helped Hide. Abgerufen am 5. Mai 2010 (Englisch).
33. ↑ Großbanken spekulieren mit Griechen-Krise. Abgerufen am 26. Mai 2010.
34. ↑ Greece not expected to default: S&P. Abgerufen am 5. Mai 2010.
35. ↑ Euro-Länder einigen sich auf Zins für Griechenlandhilfe. Abgerufen am 5. Mai 2010.
36. ↑ Griechenland bittet Euro-Länder um Finanzspritze. Abgerufen am 5. Mai 2010.
37. ↑ Presseerklärung der EZB vom 3. Mai 2010, „3 May 2010 - ECB announces change in eligibility of debt instruments issued or guaranteed by the Greek government“
38. ↑ Griechenland besteht Vertrauenstest am Kapitalmarkt. Abgerufen am 30. März 2011.
39. ↑ http://news.search.ch/ausland/2010-07-17/iwf-lobt-griechenland-fuer-sparbemuehungen
40. ↑ EU-Kommission gibt Milliarden frei: Frische Hilfen für Griechenland. Abgerufen am 30. März 2011.
41. ↑ vgl. Spiegel: Griechische Wirtschaft schrumpft dramatisch, Spiegel: Erst Depression, dann Explosion, August 2010
42. ↑ Märkte honorieren griechi­sche Einsparungen nicht. 1. September 2010, abgerufen am 30. März 2011.
43. ↑ http://uk.reuters.com/article/2011/03/07/uk-greece-exports-idUKLNE72601S20110307 Reuters UK (Zugriff 29. März 2011)
44. ↑ http://www.tradingeconomics.com/Economics/Exports.aspx?Symbol=GRD tradingeconomics.com (Zugriff 29. März 2011)
45. ↑ http://www.newsweek.com/2010/10/11/china-ups-investment-in-greece.html Newsweek (2010/10/11, Zugriff 29. März 2011)
46. ↑ http://www.reuters.com/article/2011/03/05/us-greece-china-shipping-idUSTRE7242AB20110305 Reuters (Zugriff 29. März 2011)
47. ↑ S&P senkt Bonitätsnoten für Portugal und Griechenland. FAZ.net, 30. März 2011, abgerufen am 30. März 2011.
48. ↑ Schuldenstaat: Griechenland erhöht die Steuern und senkt Gehälter. Abgerufen am 5. Mai 2010.
49. ↑ Tagesspiegel vom 3. Mai 2010: V110 Milliarden Euro gegen Athens Pleite. Abgerufen am 5. Mai 2010.
50. ↑ a b c Streiks, Proteste und Krawalle in Griechenland. Abgerufen am 5. Mai 2010.
51. ↑ Sparpaket: Griechischen Beamten wird Osterzulage gestrichen. 3. März 2010, abgerufen am 5. Mai 2010.
52. ↑ a b c Corinna Jessen: Ein Land in Ketten. In: Süddeutsche Zeitung. 5. Mai 2010, S. 3.
53. ↑ Hamburger Abendblatt vom 7. Mai 2010:“ Höhere Steuern, weniger Rente und geringere Löhne
54. ↑ Griechenlandzeitung vom 7. Mai 2010. Abgerufen am 8. Mai 2010.
55. ↑ ERT-news vom 28. April 2010 (englisch) news.ert.gr (nicht erreichbar)
56. ↑ Griechenland einigt sich auf noch härtere Einsparungen. Abgerufen am 5. Mai 2010.
57. ↑ Finanzkrise: China soll Griechenland stützen. Abgerufen am 5. Mai 2010.
58. ↑ Griechenland denkt nicht an Ausstieg aus Euro-Zone. Abgerufen am 5. Mai 2010.
59. ↑ Korruption und Steuerhinterziehung: Griechenland versinkt im Sumpf. Abgerufen am 5. Mai 2010.
60. ↑ Homepage des Generalinspektors für öffentliche Verwaltung
61. ↑ SZ: Herkules versus Verwaltung, 16. Juli 2010
62. ↑ http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/macht-die-steuersuender-dingfest/1838898.html
63. ↑ http://www.rechtsanwalt-griechenland.de/bekaempfung-der-steuerhinterziehung-in-griechenland.html
64. ↑ http://blog.handelsblatt.com/global-reporting/2011/02/11/bargeld-lacht-aber-nicht-mehr-in-griechenland/
65. ↑ a b Tote bei Protesten in Athen: Fanal in den Flammen. 5. Mai 2010, abgerufen am 26. Mai 2010.
66. ↑ http://www.n-tv.de/politik/PASOK-behaelt-die-Nase-vorn-article1931776.html
67. ↑ Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen zum Erhalt der für die Finanzstabilität in der Währungsunion erforderlichen Zahlungsfähigkeit der Hellenischen Republik - Währungsunion-Finanzstabilitätsgesetz (WFStG)
68. ↑ Bundesverfassungsgericht beschließt: Keine einstweilige Anordnung (BVerfG, 2 BvR 987/10)
69. ↑ KfW: Einbindung der KfW Bankengruppe in Griechenland-Hilfe der Eurostaaten
70. ↑ [1] Seite des BMF
71. ↑ IWF: IMF Reaches Staff-level Agreement with Greece on €30 Billion Stand-By Arrangement
72. ↑ a b Siehe z.B. Spiegel Online vom 10. Mai 2010, [2] (abgerufen am 30. Mai 2010).
73. ↑ Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungsmechanismus vom 22. Mai 2010

Griechischer Staatsbankrott von 1893

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