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Akt und Potenz (griech. dynamis – energeia, lat. actus – potentia) sind zwei Grundbegriffe der aristotelischen, später der thomistischen bzw. der an Aristoteles orientierten scholastischen Metaphysik überhaupt. Aristoteles' Bildung und Verwendung der Begriffe Aristoteles bildete beide Begriffe, um das Problem des Werdens zu lösen und die sinnlich wahrgenommene Tatsache von Veränderungen und Entwicklungen begrifflich zu klären. Er suchte mit ihnen Heraklits und der Eleaten einander entgegenstehende Auffassungen der Bewegung zu überwinden. Heraklits Lehre, nach der "alles fließt", sei falsch, da sie gegen das Widerspruchsprinzip verstoße (Sein und Nichtsein sei für ihn gleich). Von einem sich beständig verändernden Gegenstande könne es auch keine Erkenntnis geben. Ebenso falsch sei die Auffassung der Eleaten (Parmenides und Zenon), die die Bewegung überhaupt leugneten und für Sinnestäuschung erklärten. Das Werdende, lehrten sie, müsse entweder aus nichts oder aus etwas entstehen. Beides sei unmöglich, da aus nichts nur immer nichts werden könne, das aus etwas Entstandene aber kein eigentlich Entstandenes, sondern nur das sei, was schon war. Um das Dilemma dieser Bewegungslehren zu beheben, bildete Aristoteles den Begriff des potentiellen Seins. Er besagt, dass es zwischen Sein und Nichtsein ein Mittleres gibt – das Sein der Möglichkeit. Aristoteles' Deutung der Begriffe Laut Aristoteles entsteht das Werdende weder aus dem Nichts noch aus dem aktuell Seienden, sondern aus dem nur potentiell Seienden. Alles Werden ist ein Übergang von der Potenz zum Akt (z.B. der Übergang vom potentiellen Sein des Samens zum aktuellen Sein der Pflanze). Aristoteles führte die Akt-Potenz-Lehre besonders im neunten Buch seiner Metaphysik aus: „Der Aktus besteht ... darin, dass ein Ding existiert, nicht in dem Sinne, wie man sagt, es sei der Potenz nach. Wir sagen z.B., der Potenz nach sei ein Hermes in dem Klotz...: es besteht hier ein Verhältnis wie das des Bauenden zum Baukundigen, des Wachenden zum Schlafenden, des Sehenden zu dem, was die Augen zuhält, aber den Gesichtssinn hat, des aus der Materie Herausgearbeiteten zu der Materie und des Fertigen zum Unfertigen.“ Aristoteles verwendet den Begriff "dynamis" in einem engeren Sinn für das Vermögen, eine Bewegung oder Veränderung (kinesis) zu bewirken (potentia activa, siehe Vermögen) oder zu erleiden (potentia passiva). In einem weiteren Sinn bezeichnet es bei ihm die ontologische Möglichkeit. Die Kopula 'Ist' kann nicht nur besagen, dass einem Seienden ein Prädikat tatsächlich oder in der Wirklichkeit nach (energeia), sondern auch, dass es ihm nur nach der Möglichkeit nach (dynamei) zukommt. Der engere Begriff des Vermögens zu einer Veränderung ist der auf die Kategorien Tun und Erleiden eingeschränkte Begriff der Möglichkeit: Was dieses Vermögen hat, ist der Möglichkeit nach tätig oder erleidend. Das ontologische Verhältnis von Möglichkeit und Wirklichkeit umfaßt alle Kategorien. Der Substanz kommen ihre Akzidentien der Möglichkeit oder der Wirklichkeit nach zu (der Mensch kann gehen bzw. geht). Die Materie ist der Möglichkeit nach eine Substanz; diese Möglichkeit wird durch die Verbindung mit der Form verwirklicht. Bei der Tätigkeit (energeia) unterscheidet Aristoteles zwischen Bewegung (kinesis) und reiner Tätigkeit (energeia im engeren Sinn). Die Bewegung hat ihr Ziel nicht in sich. Dagegen hat die hat die reine Tätigkeit, z.B. das Sehen oder das Denken, ihr Ziel in sich und ist in diesem Sinn vollendet. Der Akt ist der Potenz ontologisch vorgeordnet. Die Potenz ist um des Aktes willen: Ziel der Vermögen ist ihre Betätigung; die Form ist die Vollendung (entelecheia) der Materie. Das Mögliche ist offen gegenüber seiner Verwirklichung und Nichtverwirklichung; es bedarf zu seiner Verwirklichung des bereits Wirklichen. Zur Wirkung der Akt-Potenz-Lehre in der Scholastik Die aristotelische Akt-Potenz-Lehre hat in der Geschichte der Philosophie nachhaltigen Einfluss ausgeübt. Sie spielte vor allem in den Systemen der mittelalterlichen Scholastik, die wesentliche Elemente der aristotelischen Philosophie aufnahmen und verarbeiteten, eine große Rolle. Bei Thomas von Aquin erhielt sie besondere Bedeutung, so dass die strengen Vertreter des Neuthomismus noch heute in ihr die "Zentrallehre" des Systems überhaupt erblicken (Gallus Manser, Joseph Maria Bochenski). Thomas von Aquin verband die Akt-Potenz-Lehre mit der Lehre von der Analogie des Seins und gründete darauf jene Theorie der Hierarchie des Seins, die für das thomistische Weltbild zutiefst charakteristisch ist. Thomas von Aquin verwendet unter dem Einfluss der christlichen Schöpfungslehre die Unterscheidung von Akt und Potenz auch auf die Form an. Da sie als geschaffene nicht aus sich selbst sein kann, ist sie zusammengesetzt aus der Wesenheit (essentia) als Potenz und dem Sein (esse), der "Vollkommenheit der Vollkommenheiten" (perfectio perfectionum) als Akt (actus entitativus). Der Gedanke der Analogie des Seins besagt, dass den Gegenständen das Sein nach Maßgabe ihres Wesens in verschiedenem Graden zukommt. Die Akt-Potenz-Lehre begründet die derart entstehende Auffassung der Grundabstufung des Seins unter dynamischem Aspekt: die Übergänge von der Potenz in den Akt sind Übergänge zu immer größerer Seinsfülle. Die analytische Philosophie greift mit der Thematik der Kräfteprädikate (als "power predicates") und der Dispositionsprädikate den aristotelischen Begriff des aktiven und passiven Bewegungsvermögens auf. Zur Kritik der Akt-Potenz-Lehre Die Akt-Potenz-Lehre ist nach Auffassung einiger Kritiker bereits in ihrer aristotelischen Form unhaltbar. Sie löse weder das Problem des Werdens noch liefere sie eine begründbare Grundlage, von der aus die Kategorie der Möglichkeit wissenschaftlich zu bestimmen wäre. Ihr wesentlicher Mangel bestehe darin, dass sie eine rein statische, eine adialektische Theorie der Bewegung ergibt. Bewegung und Entwicklung würden als Summe identischer Zustände gefaßt. In der Akt-Potenz-Lehre würde demnach verkannt, dass mit dem Begriffspaar Akt-Potenz jeweils nur das Anfangs- bzw. das Endstadium eines Prozesses, nicht aber der Prozess selbst erklärt wird. Außerdem setzt die aristotelische Bewegungslehre voraus, dass die Stadien eines Prozesses nicht in gleicher Weise wirklich sind, was durch (empirische) Anschauung der Realität nicht belegt zu sein scheint. Die Gegenkritik verweist darauf, dass die Kritik der Akt-Potenz-Lehre häufig auf widersprüchlichen oder zumindest unreflektierten ontologischen, etwa dialektischen oder materialistischen, Prämissen beruht. Darüber hinaus komme die Kritik i.a. nicht über die bereits widerlegten Extremlösungen des Werde-Problems (Alles ist im Fluss vs. Es gibt keine Veränderung) hinaus. Literatur
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