Agia Irini (Kea)

Verwaltungsbereich: Südliche Ägäis
Präfektur: Kykladen

Agia Irini ist ein archäologischer Fundort aus der Bronzezeit auf der griechischen Insel Kea, die zur ägäischen Inselgruppe der Kykladen gehört. Die Siedlung lag auf einer heute nur noch 150 auf 80 m großen Halbinsel in der Bucht von Korissia im Nordwesten der Insel.

Benannt ist sie nach einer Kapelle, die in byzantinischer Zeit erbaut und der Heiligen Irene geweiht wurde. Sie wurde in den 1950er Jahren entdeckt und von 1960 bis 1971 durch amerikanische Archäologen der University of Cincinnati ausgegraben. Die Funde sind bis heute nicht vollständig ausgewertet und publiziert.

Jungsteinzeit (vor 3000 v. Chr.)

Bereits in der Jungsteinzeit war die Insel Kea bewohnt, Grabfunde ziehen sich durch den ganzen Norden der Insel, Siedlungsspuren sind nur in Kephala nachweisbar. Auch auf der Halbinsel Agia Irini wird eine jungsteinzeitliche Siedlung vermutet, sie wurde aber in der Bronzezeit überbaut und lässt sich heute nicht mehr belegen.


Frühkykladische Zeit (ab 2500 v. Chr.)

In die Epoche II der frühkykladischen Zeit (zur zeitlichen Einordnung siehe Kykladenkultur) fallen die ältesten heute nachweisbaren Fundamente auf der Halbinsel. Sie sind der Keros-Syros-Kultur zuzuordnen. Das Mauerwerk dieser Epoche auf der Halbinsel war bereits sehr sorgfältig ausgeführt, die Wände senkrecht und glatt. Decken konnten etwa 4,50 m ohne Stützpfeiler überspannen. Agia Irini war bis kurz nach 2200 v. Chr. bewohnt, bevor hier wie in allen anderen Orten der Kykladen die Siedlungskontinuität aus unbekannten Gründen abbrach und erst um das Jahr 2000 v. Chr. wieder begann.


Mittelkykladische Zeit (2000–1600 v. Chr.)

Agia Irini ist neben Phylakopi auf Milos und Phourion auf Paros eine von nur drei ausgegrabenen Siedlungen der mittelkykladischen Zeit. Insgesamt sind 20 Siedlungsorte aus der Epoche auf den Kykladen bekannt.

Vor einer ersten Bauphase um 1800 oder 1900 v. Chr. ist nur ein Mauerabschnitt mit einem Wachturm erhalten, der ein Tor in die Stadt schützt. Die Blütezeit der Siedlung beginnt um 1600 v. Chr.


Die Stadt

Agia Irini wies zu dieser Zeit bereits städtische Strukturen, wie ein regelmäßiges Straßenraster und verdichtete Bebauung, auf und ist der einzige der drei erforschten Orte der Periode, in der Reste einer Stadtmauer und ein zentraler Tempel gefunden wurden. Es wird vermutet, dass diese Besonderheiten der Nähe zum attischen Festland und dem Einfluss der Helladischen Kultur geschuldet sind.

Die kleine Halbinsel war dicht bebaut, die Häuser bestanden aus einer Vielzahl kleiner und kleinster Räume, die im Laufe längerer Zeiträume angebaut wurden oder ein Gebäudekomplex wuchs aus mehreren früheren Häusern zusammen. Das größte und am besten erforschte Gebäude „A“ alleine nimmt 8 % der bekannten Siedlungsfläche ein, es bedeckt eine Fläche von etwa 22 auf 38 m in der Form eines unregelmäßigen Fünfecks. Heute lassen sich noch 39 Räume in Untergeschoss und Paterre nachweisen, es müssen aber wesentlich mehr gewesen sein, da das Gebäude mindestens teilweise ein oberes Stockwerk aufwies. Die Lebensqualität in diesem Haus war beachtlich. Es gab einen äußeren und einen Hof mit Bänken und einer Kochstelle unter freiem Himmel. Innere Räume wurden über Lichtschächte mit Sonnenlicht versorgt, zwei Küchen und mehrere Räume mit Lebensmittelvorräten dienten der Versorgung der Bewohner. Der Höhepunkt der Zivilisation war ein Badezimmer, das über einen Rinnstein mit der Kanalisation unter der angrenzenden Straße verbunden war. Es wird geschätzt, dass alleine in diesem Gebäude zwei bis vier Dutzend Menschen lebten, die ganze Halbinsel wurde von etwa 600-700 Personen bewohnt.


Der Tempel

Das als Tempel oder Heiligtum bezeichnete Bauwerk geht zum Anfang der mittelkykladischen Zeit rund um 1900 v. Chr. zurück. Damals bestand es aus einem Rechteck von etwa 5 auf 5 m, das später einmal unterteilt zum Untergeschoss des Tempelbauwerks zur Zeit des Höhepunktes der Stadt wurde.

Am Ende des 13. Jahrhunderts bestand der Bau aus einer langgestreckten Raumfolge von durchschnittlich 6 m Breite und mehr als 24 m Länge. Der Hauptraum lag nahe dem einzigen Eingang, alle kleineren Räume dahinter konnten nur durch den Hauptraum betreten werden.

In den Trümmern des Tempels wurden 55 Kultfiguren gefunden. Alle weiblich, aus Ton gebrannt, variierend von 60 cm bis Lebensgröße. Sie sind nach minoischer Mode mit einem bodenlangen Rock bekleidet, die Mehrzahl trägt am Oberkörper ein Mieder, aus dem üppige nackte Brüste hervorhängen, der Oberkörper der anderen ist unbekleidet. Die meisten sind in Posen dargestellt, die zu einem Tanz passen, mit schwingendem Rock und erhobenen oder in die Hüfte gestützten Armen. Außer den Figuren wurden Trink- und Spendergefäße gefunden, außerdem einige als Weihegaben interpretierte Gegenstände, wie ein kleiner symbolischer Schmelzkessel.

Der Tempel wurde auch nach der Aufgabe der Stadt von Bewohnern des Umlandes weiterhin benutzt und gepflegt. Die spätesten Nachweise stammen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., also 1500 Jahre nach dem Beginn des Baus.


Kultur

Neben der Landwirtschaft zur Selbstversorgung lebte die Stadt vermutlich vom Handel. Rund 8000 flache Essschalen aus Keramik wurden in Stapeln gefunden, was darauf hindeutet, dass es sich um das Warenlager eines Händlers handelte. Die Keramiken erlauben auch, die Beziehungen zu benachbarten Kulturen einzuschätzen. Gefäße im Stil der Minoischen Kultur der Insel Kreta und der südlichen Kykladen machen knapp die Hälfte der gefundenen Keramik aus, Stile vom Peloponnes, dem nahegelegenen Festland überwiegen.


Spätkykladische Zeit (ab 1600 v. Chr.)

Der Höhepunkt der Stadt reichte in die spätkykladische Zeit hinein, doch im 15. Jahrhundert v. Chr. kam es mehrfach zu Erdbeben, die die Gebäude beschädigten. Kurz vor 1500 v. Chr. zerstörte ein besonders schwerer Erdstoß die Stadt. Die Stadtmauer wurde regelrecht zerrissen, viele Gebäude stürzten ein und ihre Mauersteine begruben die Keller und alle Gegenstände darin. Die Bewohner müssen rechtzeitig gewarnt worden sein, da sie mit ihren Wertsachen fliehen konnten. Waffen, Schmuck oder Metallwerkzeuge wurde keine gefunden, auch konnte nur ein einzelnes Skelett in der Ausgrabung nachgewiesen werden.

Die Stadt als Ganzes wurde nicht wieder besiedelt, einige Räume, darunter der Tempel, wurden von wenigen Bewohnern hergerichtet und ab dem Wechsel vom 14. zum 13. Jahrhundert v. Chr. bewohnt. Ihre Keramik deutet darauf hin, dass die Insel Kea zu dieser Zeit vollkommen in die Mykenische Kultur des Festlandes integriert war.


Literatur

Werner Ekschmitt: Die Kykladen. Bronzezeit, geometrische und archaische Zeit. Philipp von Zabern, Mainz 1993, ISBN 3-8053-1533-3.

Weblinks

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