Publius Papinius Statius

Publius Papinius Statius, (* um 40 in Neapel, † um 96 daselbst) war ein lateinischer Dichter; er ist heute nicht nur wegen seiner Werke bekannt, sondern auch als Gestalt in Dante Alighieris Die Göttliche Komödie.

Er war durch Geburt und Ausbildung in hohem Maße zum Dichter bestimmt. Seine Familie, die Statii waren von griechisch-kampanischer Herkunft, verarmt, aber von hohem Rang. Der Vater des Dichter lehrte mit Erfolg in Neapel und Rom, bewies sich selbst von Jugend bis zum Alter als Meister in poetischen Wettbewerben, die ein wichtiger Bestandteil der Unterhaltung in der frühen römischen Kaiserzeit waren. Der jüngere Statius erklärt, dass sein Vater zu seiner Zeit jeder poetischen Herausforderung, ob in Prosa oder Lyrik, gewachsen gewesen sei. Er erwähnt Mevania und könnte dort einige Zeit gelebt haben - oder auch nur von der Konfrontation des Kaisers Vitellius und seines Herausforderers Vespasian im Jahr 69, die bei diesem Ort stattfand, beeindruckt gewesen sein. Vermutlich erbte er ein bescheidenes Amt, so dass er nicht in der Verlegenheit war, sein Brot von reichen Herren erbitten zu müssen; mit Sicherheit hingegen schrieb er Gedichte auf Bestellung (wie Silvae, i.1, 2, ii.7, and iii.4), aber es gibt - ungeachtet aller Anspielungen in Juvenals siebter Satire - keinen Hinweis darauf, dass das Einkommen, das er daraus bezog, für ihn wesentlich war.

Die Ereignisse seines Lebens sind kaum bekannt. Schon in seiner Jugendzeit gewann er häufig poetische Wettbewerbe in seiner Geburtsstadt, dreimal in Alba, wo er die goldene Krone aus der Hand des Kaisers Domitian verliehen bekam. Beim großen Wettbewerb auf dem Kapitol (vermutlich bei dessen dritter Ausrichtung im Jahr 94) verfehlte Statius jedoch den Gewinn des begehrten Lorbeerkranzes - ohne Zweifel hatte der außergewöhnliche Erfolg seines Thebais ihn zur der Ansicht verleitet, der beste Dichter der Zeit zu sein, und als er seinem Ruf angesichts der Rivalen aus dem gesamten Reich nicht gerecht werden konnte, akzeptierte er das Urteil der Juroren als Zeichen, dass seine Zeit vorbei sei, und zog sich in seine Heimatstadt Neapel zurück – das Gedicht, das er zu diesem Anlass an seine Frau richtete, blieb erhalten (Silvae iii.5). In diesem Gedicht gibt es Hinweise darauf, dass Statius unter dem Verlust der Gunst des Kaisers litt: er scheint der Ansicht gewesen sein, dass ein Wort des Kaisers ihm den begehrten Lorbeer gebracht hätte, und dass dieses Wort auch hätte ausgesprochen werden sollen.

Im Vorwort zum vierten Buch der Silvae werden Verleumder erwähnt, die seinen Stil hassten, und denen es gelungen sein könnte, bei Hofe eine neue Mode in der Dichtkunst einzuführen. Solch eine Sonnenfinsternis, wenn sie denn stattgefunden hat, muss Statius bis ins Herz getroffen haben, denn er scheint die Rolle des Hofdichters gründlich genossen zu haben. Die gelegentliche Aussage, der ältere Statius sei der Lehrer des Kaisers gewesen und habe von ihm viele Gunstbeweise erhalten, so dass der Sohn eine Dankesschuld erbte, scheint hingegen kein solides Fundament zu haben, denn Statius lobt den Kaiser, nicht um eine Schuld abzutragen, sondern um eine Verpflichtung zu schaffen. Seine Schmeichelei ist genauso weit entfernt von dem sanften und versöhnenden Ton Quintilians wie von dem groben und kriecherischen Martials. In einem seiner einleitenden Schreiben erklärt Statius, dass er niemals die Veröffentlichung eines seiner Werke erlaubt habe, ohne vorher den göttlichen Kaiser anzurufen. Statius übernahm vollständig Domitians groben Geschmack, präsentierte sich ihm mit der von ihm geliebten Prahlerei, ließ Gewissen und Aufrichtigkeit außer Acht, alleine damit nicht einige unbehagliche Worte die Laune seines Herrn trübten. Ein Gedicht, mit dem der Dichter eine Einladung an den kaiserlichen Tisch bezahlte, macht dies deutlich. Statius empfand deutlich die Schwärmerei, die er ausdrückte, er lechzte mit seiner Kraft, als er die Geschichte von Didos Bankett erzählte, und seiner Stimme, die vom Fest des Alkinoos sang, nach Äußerungen, die das erhabene Thema erzeugen möge. Der Dichter schien, sagt er, mit dem großen Jupiter zu dinieren und Nektar von Ganymed zu erhalten – letzteres ist ein abstoßender Bezug auf den kaiserlichen Favoriten Eurinus.

Sein bisheriges Leben sei nutzlos und ohne Ertrag gewesen, und jetzt erst habe er in Wahrheit zu leben begonnen. Der Palast traf des Dichters Sinne wie der Schall des Himmels; nein, Jupiter selbst wundere sich über dessen Schönheit, sei aber froh, dass der Kaiser eine derartige irdische Wohnung besitze, und wolle somit weniger seinen Wünsche nachgeben, einen angemessenen Aufenthalt unter den Unsterblichen in den Lüften zu suchen. Sogar wenn ein Palast in seiner Größe so herrlich sei, so sei er doch zu klein für seine unermessliche Gegenwart. "Aber es ist er selbst, er selbst, den mein eifriges Auge nur Zeit zu schauen hat. Er ist wie ein ruhender Mars oder Bacchus oder Alkides". Auch Martial schwor, dass, wenn Jupiter und Domitian ihn am gleichen Tag zu Tisch bäten, er es vorziehen würde, mit dem größeren Herrscher auf Erden zu speisen. Martial und Statius waren ohne Zweifel die höchsten unter den kaiserlichen Schmeichlern.

Jeder war des anderen einziger ernsthafter Rivale. Es ist folglich nicht überraschend, dass keiner den Namen des anderen aussprach. Sogar wenn man Statius Verhalten gegenüber Domitian irgendwie vergeben könnte, wäre es unmöglich, ein Gedicht wie "Das Haar des Flavius Eurinus", Domitians Ganymed (Silvae i.4) zu entschuldigen, ein Gedicht, bei dem es schwierig würde, ein abstoßenderes Beispiel zu finden, mit dem jemand mit wirklichem poetischen Talent sich für persönliche Ziele beschädigt. Alles deutet darauf hin, dass Statius seinen Kaiser nicht überlebte und nur kurze Zeit nach seiner Übersiedlung nach Neapel starb. Getrennt vom Kaiser und seinen Günstlingen scheinen die Freundschaften von Statius mit Männern von hohem Rang auf gleicher Ebene gepflegt worden zu sein. Er war ersichtlich der Gesellschaftsdichter ebenso wie der Hofdichter dieser Zeit.

Als Dichter strahlt Statius fraglos in mancher Beziehung verglichen mit den meisten anderen Dichter der nachaugusteischen Zeit. Er wurde mit außergewöhnlichem Talent geboren, und seine dichterische Ausdrucksweise ist, mit alle ihren Fehlern, im Ganzen reicher und weniger gezwungen, tragender und treffender, als man ansonsten im Silbernen Zeitalter der lateinischen Dichtkunst findet. Statius ist am besten in seinen Gelegenheitsversen, den Silvae, die einen eigenen Charakter und an ihren besten Stellen ihren eigenen Reiz. Der Titel passt zu den handwerklichen Gedichten zu alltäglichen Themen. Statius hielt viel von seiner Improvisationsgabe, und er scheint zu der Meisterleistung imstande gewesen zu sein, zweihundert Verse in einer Stunde und auf einem Bein stehend zu diktieren, so wie Horaz es beschreibt. Der Improvisator war unter den späten Griechen in hohen Ansehen, wie Ciceros Rede für den Dichter Archias andeutet; und die Dichterwettbewerbe, die in der frühen Kaiserzeit üblich waren, trugen viel zum Können auf diesem Gebiet bei. Die vergleichsweise Frische und Freiheit dieser Gedichte, zusammen mit ihrem losen Gefüge und ihre Ungleichmäßigkeit, sind dieser Geschwindigkeit zu verdanken. Es gibt 32 Gedichte in fünf Büchern, jedes mit einem widmenden Begleittext. Von den fast 4000 Zeilen, die die Bücher enthalten, sind mehr als fünf Sechstel Hexameter. Vier der Stücke (mit etwa 450 Zeilen) sind in einer elfsilbigen Metrik geschrieben, der "kleinen Metrik Catulls", und es gibt je eine alkaische und eine sapphische Ode.

Die Themen in den Silvae sind sehr unterschiedlich. Fünf Gedichte dienen der Lobhudelei des Kaisers und seiner Favoriten. Sechs sind Totenklagen oder Zuspruch für die Überlebenden: Statius scheint einen besonderen Stolz bei dieser Art von Gedichten gehabt zu haben, und sicher klingt, ungeachtet der exzessiven und konventionellen Anwendung hübscher mythologischer Bilder, auch Pathos an. Oft gibt es Merkmale von Familiarität in diesen Versen, und Statius, der Kinderlose, hat hier und da den Reiz der Kindheit in seinen Versen berührt, zu denen es Parallelen unter den antiken Dichtern nur – befremdlich zu sagen – bei Martial gibt.

Eine der epicedia, die auf Priscilla, der Frau von Abascantus, Domitians Freigelassenem, ist voller Interesse an der Tätigkeit eines hohen Staatsbeamten. Eine weitere Gruppe in den Silvae gibt malerische Beschreibungen der Villen und Gärten der Freunde des Dichters. Bei diesen hat man eine lebendigere Darstellung als sonst üblich von den Umständen, unter welchen die Größen des frühen Imperiums lebten, wenn sie ihren Wohnsitz auf dem Land nahmen. Vom Rest der Silvae sind die Gratulationsadressen an Freunde anmutig, aber Gemeinplätze, und die scherzhaften Stücke drängen auch nicht nach einen besonderen Erwähnung. In den Kalendae decembres hat man eine eindrucksvolle Beschreibung der Geschenke und Unterhaltungen, die der Kaiser dem römischen Volk anlässlich der Saturnalien bot. Bei seinem Versuch eines epithalamium (Silvae i.2) ist Statius gezwungen und unglücklich. Aber seine Geburtstagsode zu Lucans Ehren hat, zusammen mit den gewöhnlichen Übertreibungen, viele kräftige Verse, und zeigt hohe Wertschätzung für vorangegangene lateinische Dichter. Einige Ausdrücke, wie "die ungelehrte Muse des hochbeseelten Ennius" und "die erhabene Leidenschaft des weisen Lucretius" sind allen Gelehrten vertraut. Die Ode endet mit der großen Szene, in der Lucans Seele nach seinem Tod auf den Flügeln des Ruhms zu Regionen emporsteigt, in die nur kräftige Seelen gelangen können, verächtlich die Erde betrachtend und über sein Grab lächelnd, ruhend im Elysium und ein erhabenes Stück auf die Pompeii und Catos und all die "Pharsalischen Heerscharen," (siehe Schlacht von Pharsalus) singend, oder mit stolzem Schritt Tartarus erforschend und den Klagen der Schuldigen lauschend, bestaunend Nero, bleich in Agonie, wie seiner Mutter Rachefackel vor seinen Augen funkelt. Es ist einzigartig zu beobachten, wie gründlich Nero aus der kaiserlichen Erbfolge gestoßen wurde, wie anerkannt dies bei Hofe war, so das der "kahle Nero" keinen Anstoß nahm, wie weltlich seine Hauptschmeichler mit dem Namen seines Vorgängers umgingen.

Statius’ epische Gedichte sind weniger interessant, da auf gewöhnlicherem Boden gezogen, verdienen aber trotzdem in mancher Hinsicht Beachtung. Sie sind das Produkt langer Ausarbeitung. Das Thebais, das laut Statius zwölf Jahre bis zur Vollendung benötigte, besteht aus zwölf Büchern, und hat als Thema die alte "Geschichte von Theben", der tödliche Unfrieden der thebanischen Brüder (Sieben gegen Theben). Darüber hinaus ist ein eine unvollendete Achilleis (Jugendgeschichte des Achilles) erhalten, aus einem Buch bestehend und einem Teil eines zweiten. In der ermüdenden Länge dieser Epen sind manche Blüten des Pathos und viele vollendete Miniaturen, aber die Fesseln der Tradition, der modische Geschmack und die einengenden erzieherischen Einschübe behindern andauernd den Höhenflug des Dichters. Nicht nur, dass das Material für diese Epen ihm durch überkommenen Brauch vorgeschrieben war, sondern auch zu einem großen Teil die Methode, mit der er es zu behandeln hatte. Alles was er tun konnte, war, die alten Noten in einer eigenen Art anzuschlagen. Die Götter müssen ihrem gewohnten epischen Unfrieden nachgehen, und die Menschen, ihre Puppen, zu ihrem Takt tanzen; ihre häufigsten Themen sind himmlische Boten, Omen, Wunder, Zweikämpfe, Gleichnisse, homerisches und vergilisches Echo, und all das andere Zubehör des konventionellen Epos. Aber Statius behandelt seine Subjekte mit einer Dreistigkeit und Freiheit, die sich angenehm vom ängstlichen Traditionalismus eines Silius Italicus und der steifen Scholastik eines Lucius Valerius Flaccus unterscheidet. Statius’ Vokabular ist auffallend reich, er zeigt Mut, oft erfolgreich, im Gebrauch von Wörtern und Metaphern. Gleichzeitig trieb er einige literarische Tricks bis zu einem ärgerlichen Geschwätz, vor allem beim exzessiven Gebrauch der Alliteration, und beim Missbrauch mythologischer Anspielungen. Die bekanntesten Personen und Orte werden durch Beiworte oder Umschreibungen aus einigen sehr abgelegenen Verbindungen mit der Mythologie abgeleitet, so dass viele Passagen so dunkel klingen wie bei Heraklit.

Ausgabe

J. H. Mozley (Hg.): Statius (1928, 2 Bände, Nachdruck 1969-1982, lateinisch und englisch)

Weblinks

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