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Die ehemalige Hetäre Neaira lebte nach einem unsteten Leben als schon in der Kindheit in die Prostitution gezwungene sklavische und später freie Prostitierte im 4. Jahrhundert v. Chr. mit dem reichen und einflussreichen Athener Bürger Stephanos zusammen. Sie und ihre vermutliche Stieftochter wurden unfreiwilliger Mittelpunkt mehrerer juristischer Auseinandersetzungen im klassischen Athen. [1] Leben Nikaretes Bordell Neaira wurde wohl um 400 v. Chr. geboren. Ihre Herkunft ist ungewiss, möglicherweise war sie ein Findelkind oder wurde aus einem der Randgebiete Griechenlandes wie Thrakien „importiert“. Wohl um 390 v. Chr. wurde sie von Nikarete, einer Bordellwirtin aus Korinth, gekauft. Nikarethe bildete Neaira aus und gab sie als ihre Tochter aus. Diese falsche Angabe sollte den Preis, den sie von Kunden für Neaira verlangen konnte, erhöhen, da freie Frauen mehr Geld verlangen konnten.[2] Nach Apollodors Bekunden begann sich Neaira schon vor der Pubertät zu prostituieren, was de facto bedeutet, dass Nikarete sie schon als Kind in zur Prostitution zwang. Ihre Ausbildung schloss nicht nur den Umgang mit Männern, sexuelle Praktiken, Körperpflege und Schönheitstipps ein, sondern umfasste auch eine intellektuelle Ausbildung, damit den Kunden bei Symposien auch geistige Stimulation geboten werden konnte.[3] Nikarete betrieb ein „besseres“ Etablissement in Korinth, einer Stadt, die in der Antike für ihre Prostitutionswirtschaft berühmt war. So wurde sogar ein Verb (korinthiazein) gebildet, dass in etwa mit (herum)huren zu übersetzen ist. Neben Neaira gab es im Bordell Nikaretes noch sechs weitere namentlich bekannte Mädchen unterschiedlichen Alters: Metaneira, Anteia, Stratola, Aristokleia, Phila und Isthmias. Wahrscheinlich alle waren zu ihrer Zeit sehr bekannt. Nach Anteia wurden mehrere Dramen im 4. Jahrhundert v. Chr. benannt und Philetairos erwähnt in seinem Stück „Die Jägerin“ sogar drei von Nikaretes Mädchen (Neaira, Phila und Isthmias). Die Kundschaft gehörte größtenteils zur besseren Gesellschaft der Zeit, nicht selten auch von außerhalb Korinths, da die Stadt Dank des Isthmus von Korinth ein Handelszentrum war. Als Kunden sind namentlich Politiker, Sportler, Philosophen und Dichter bekannt, darunter der Dichter Xenokleides und der Schauspieler Hipparchos.[4] Ein bekannter Gast im Bordell Nikaretes war auch Lysias, der Stammkunde Metaneiras war. Da sein Geld nur Nikarete zugute kam und er auch seiner Geliebten etwas Gutes tun wollte, finanzierte er ihr in der Mitte der 380er Jahre eine Reise zu den Mysterien von Eleusis, in die sie auf seine Kosten eingeführt wurde. Bei dieser Reise nach Athen wurden beide nicht nur von Nikarete sondern auch von Neaira begleitet. Es war wohl Neairas erster Aufenthalt in Athen.[5] 378 v. Chr. kam sie erneut nach Athen, dieses Mal zu den Panathenäen. Begleitet wurde sie wieder von ihrer Besitzerin und von ihrem eigenen Stammkunden Simos aus Thessalien. Er gehörte der bedeutendsten thessalischen Familie der Aleuadei an und war Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine Berühmtheit in Griechenland. Über seinen Status zur Zeit der Reise kann heute nichts mehr gesagt werden.[6] Wie die Verbindungen Metaneiras zu Lysias und Neairas zu Simos zeigen, muss eine Verbindung zu Nikaretes Hetären kein einmaliges, schnelles Vergnügen gewesen sein, sondern konnte zu einer längerfristigen Beziehung werden. Trotzdem kann man sie nicht zur höchsten Klasse der Prostituierten zählen, da sie als Sklavinnen keinerlei Wahlfreiheit in Bezug auf ihre Kundschaft hatten. Zwischen Bordell und Freiheit Die wohl finanziell ergiebigste Zeit für Nikarete waren die Lebensjahre zwischen der Pubertät und dem beginnenden dritten Lebensjahrzehnt. Danach war es klar, dass sie für die Kunden immer uninteressanter wurde. Somit kam es Nikarete wohl nicht ungelegen, als Timanoridas aus Korinth und Eukrates aus Leukas wohl kurz nach der Reise nach Athen im Jahr 376 v. Chr. Neaira kauften. Beide gehörten wohl zu Neairas Stammkunden und waren der Meinung, dass es für beide auf Dauer preisgünstiger war, wenn sie sich gleich die ganze Frau kauften. Dennoch wurde es für sie kein billige Angelegenheit.[7] Nikarete forderte nicht weniger als 3000 Drachmen (der zehnfache Preis, den ein gelernter Handwerksklave kostete und das fünf- bis sechsfache Jahreseinkommen eines Arbeiters). Obwohl beide damit an ihre finanziellen Grenzen gingen, wurde das Geschäft getätigt. Nun hatte Neaira zwei neue Besitzer, die mit ihr machen konnten, was sie wollten. Dieser Vorgang war nichts Ungewöhnliches und ist mehrfach in antiken Quellen bezeugt. Anders als bei anderen, ähnlichen Arrangements kam es in diesem Falle jedoch zu keinem Streit zwischen beiden Besitzern.[8] Nach wohl etwa einem Jahr wollte einer der beiden (oder gar beide) heiraten. Eine Hetäre zu unterhalten war teuer, weshalb nach einem Ausweg gesucht werden musste. Die Drei kamen zur Übereinkunft, dass Neaira sich für 2000 Drachmen freikaufen konnte, wenn sie danach Korinth für immer verlassen würde. Mit Hilfe früherer Kunden, vor allem eines Mannes namens Phrynion brachte sie das Geld auf und kaufte sich schließlich frei. Mit Phrynion ging sie in dessen Heimatstadt Athen. Hier lebten beide eine Zeit zusammen.[9] Phrynion war ein Lebemann und nahm, wie Apollodoros schilderte, Neaira regelmäßig zu seinen Ausschweifungen mit. Dabei soll er mit Neaira sogar öffentlich Geschlechtsverkehr gehabt haben, was im alten Griechenland ungewöhnlich und selbst in offenen Kreisen nicht statthaft war. In aller Ausführlichkeit wird ein Gelage im Spätsommer des Jahres 374 v. Chr. beim athenischen Strategen Chabrias geschildert, der grade seinen Sieg bei den Pythischen Spielen feierte. Während des Festes soll Neaira sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken haben, sodass sich in ihrem trunkenen Zustand viele der Gäste und sogar Sklaven an ihr vergingen.[10] Irgendwann zwischen den Sommern der Jahre 373 und 372 v. Chr. packte Neaira ihre Sachen und verließ Phrynion. Es ist heute unklar, warum sie diesen Schritt tat, wahrscheinlich wurde sie von ihm schlecht behandelt. Neben ihren eigenen Besitztümern nahm sie wohl auch ein paar Gegenstände aus dem Besitz Phrynions mit. Ihr Ziel war Megara. Megara war wie Korinth ein Zentrum der Prostitution und Neaira hätte wohl ein gutes Auskommen gehabt, wenn nicht zu dieser Zeit der Boiotische Krieg stattgefunden hätte, der den Handel zum erliegen und somit wenig Kundschaft in die Stadt brachte. Sie blieb für zwei Jahre in der Stadt und bestritt in dieser Zeit mehr schlecht als recht ihr Auskommen als Prostituierte. Immerhin musste sie nicht nur sich, sondern auch ihre beiden Sklavinnen, Thratta und Kokkaline, versorgen.[11] Leben mit Stephanos Nach der Schlacht bei Leuktra, die die Machtverhältnisse in Griechenland zu Ungunsten der Spartaner und damit zu Gunsten der Athener verschob, kam der reiche Athener Stephanos nach Megara und blieb offenbar eine Weile in Neairas Haus. Hier begannen die beiden eine Affäre und verliebten sich allem Anschein nach ineinander. Möglich ist jedoch auch, dass Neaira zwar nicht verliebt war, aber die Sicherheit bei Stephanos dem unsicheren und unsteten Leben vorzog. Auch nach der Schlacht von Leuktra hatte sich ihre Situation in Megara nicht gebessert, daher kehrte sie mit Stephanos wieder nach Athen zurück. Sie glaubte wohl, in Stephanos einen Beschützer zu haben, der ihr auch vor Phrynion Sicherheit bieten konnte.[12] Interessant ist, dass Apollodoros nun behauptet, Neaira habe beim Verlassen Megaras drei eigene Kinder mit nach Athen genommen: die beiden Söhne Proxenos und Ariston, sowie eine Tochter namens Strybele, die im späteren Leben Phano genannt wurde. Apollodoros berichtet weiterhin, dass Phano mittlerweile auch Hetäre geworden war und als solche eine ernsthafte Konkurrentin für ihre Mutter darstellte. Angeblich musste Neaira nach der Rückkehr nach Athen sogar als Hetäre für den Lebensunterhalt des Stephanos sorgen. All diese Aussagen sind jedoch kaum haltbar, und Stephanos bietet keine Beweise für diese Behauptungen.[13] Ein Problem war zunächst, dass Phrynion erwartungsgemäß, sobald er von der Anwesenheit Neairas in Athen erfuhr, diese mit Hilfe mehrerer Freunde aus Stephanos' Haus verschleppte. Eine solche Handlungsweise bedeutete, dass er Rechte geltend machen wollte, die ein Herr seiner Sklavin gegenüber hatte. Doch ist es mehr als fragwürdig, dass Neaira in einem solchen Falle zurück nach Athen gegangen wäre. Stephanos brachte daraufhin eine Klage gegen Phrynion ein, und dieser wiederum antwortete mit einer Gegenklage. Somit musste der Status Neairas vor Gericht geklärt werden.[14] Zunächst konnte sie zu Stephanos zurückkehren, der mit zwei Freunden für sie bürgte, zu einer Verhandlung kam es jedoch nie. Beide Seiten einigten sich darauf, private Schlichter (diaitetaí) zu konsultieren. Sie wählten jeder je einen Schlichter aus sowie einen dritten, der beiden genehm war. Ebenso vereinbarten sie, sich dem Schiedsspruch zu unterwerfen und keine weiteren rechtlichen Schritte zu unternehmen.[15] Das Ergebnis war, wie oft in solchen Schlichtungsverfahren, ein Kompromiss, mit dem sowohl Phrynion als auch Stephanos leben konnten, Neaira hatte ohnehin von vornherein keine Wahl. Es wurde festgestellt, dass sie keine Sklavin, sondern eine Freigelassene sei. Sie musste jedoch außer Kleidung, Schmuck und ihren selbst gekauften Sklavinnen alles zurückgeben, was sie aus dem Haushalt Phrynions mitgenommen hatte. Außerdem sollte sie beiden Männern zu gleichen Teilen zur sexuellen Verfügung stehen. Für ihren Lebensunterhalt musste jeweils der Mann aufkommen, bei dem sie gerade lebte. Wie lange diese Übereinkunft eingehalten wurde, ist unklar, weil Phrynion von da an nie wieder in den Quellen genannt wird.[16]
Affären um Phano Mehr als zehn Jahre nach diesem Ereignis wurde Phano, von der Apollodoros später behaupten würde, sie sei Neairas leibliche Tochter, zum ersten Mal verheiratet. Ihr Ehemann war ein Athener namens Phrastor. Doch funktionierte diese Ehe nicht und wurde nach etwa einem Jahr, als Phano gerade schwanger war, geschieden. Als Scheidungsgrund gab Phrastor an, dass er entdeckt habe, dass sie nicht die Tochter des Stephanos und seiner früherer Frau war, sondern die der Neaira. Ehen zwischen Athenern und Nichtathenern waren jedoch nicht gestattet. Der wahre Grund war aber wohl gewesen, dass Phano ihm seines Erachtens nach nicht genug Achtung entgegen brachte und nicht das Ideal der athenischen Hausfrau verkörperte.[17] Was nun folgte, war ein verworrenes Spiel. Da Phrynion die Mitgift von 3000 Drachmen nicht herausgeben wollte, verklagte ihn Stephanos, woraufhin Phrynion eine Gegenklage einreichte, da ihm Stephanos angeblich eine Nichtathenerin zur Frau gegeben hatte. Weil die athenische Gerichtsbarkeit in den Händen von Laienrichtern lag und vor Gericht am Ende die Partei gewann, die mit ihren Reden die Richter am ehesten überzeugen konnte, gab es immer die Gefahr, dass auch die Partei unterlag, die eigentlich im Recht war. Deshalb ließ Stephanos seine Klage fallen, was dann auch Phrastor tat. Hätte Stephanos den Prozess verloren, hätte er im schlimmsten Fall nicht nur die 3000 Drachmen sondern auch seine Bürger- und Ehrenrechte sowie sein Vermögen verloren. Auch Phano hätte ihren Status als Bürgerin verloren.[18] Kurz nach dieser Episode wurde Phrastor ernsthaft krank. Trotz allem wurde er von Phano und Neaira gepflegt. Das taten beide wohl nicht ohne Hintergedanken, denn während seiner Krankheit erkannte er in seinem Testament Phanos Sohn - der ja auch sein Sohn war - als rechtmäßig und seinen Erben an.[19] In den mittleren oder späten 350er Jahren v. Chr. führte eine neue Affäre um Phano Stephanos erneut vor Gericht. Er ertappte einen Gast der Familie – Epainetos, der angeblich ein früherer Kunde der Neaira war – beim Geschlechtsverkehr mit Phano. Als kyrios, als Hausvorstand und Schutzherr aller in seinem Haushalt lebenden Personen, hatte Stephanos das Recht, Epainetos zu bestrafen, sogar ihn zu töten. Doch er forderte von diesem nur 3000 Drachmen Schadensersatz. Epainetos war klug genug, darauf einzugehen und bestellte zwei Bürgen.[20] Doch nachdem er in Freiheit war, verklagte er seinerseits Stephanos wegen vermeintlich ungerechtfertigter Gefangennahme. Weiterhin behauptete er, selbst kein moichos zu sein, dass Phano eine Prostituierte und Stephanos Haus ein Bordell sei. Ebenso habe Neaira von der Affäre gewusst und alles sei nur eine Falle gewesen, die ihm gestellt wurde um Geld von ihm zu erpressen. Eigentlich wären alle diese Aussagen zu entkräften gewesen, da Epainetos kaum Zeugen gefunden hätte, die vor Gericht ausgesagt hätten, dass Phano eine Hetäre sei. Dennoch hätten die Richter womöglich annehmen können, dass ein Mädchen, dass in einem Haus mit der berüchtigten Hetäre Neaira aufwuchs, durchaus auch eine Hetäre sei.[21] Wieder verzichtete Stephanos auf sein Recht und damit auf die 3000 Drachmen. Denn selbst wenn er Recht bekommen hätte, wäre die Affäre vor einem Gericht gelandet. Und dann wäre die Promiskuität Phanos bekannt geworden und die Chancen für eine erneute prestigeträchtige Verehelichung wären stark gesunken. In einem Schlichtungsverfahren wurde Stephanos immerhin ein Betrag von 1000 Drachmen zugestanden. Eine kurz darauf geschlossene zweite Ehe Phanos war zwar überaus prestigeträchtig aber am Ende auch nicht glücklich.[22] Der Prozess Nicht nur familiäre Probleme beschäftigten Stephanos: Er war auch ein politisch aktiver Mensch und als solcher oftmals in Prozesse verwickelt. Zu einem seiner wichtigsten Gegenspieler entwickelte sich der schon mehrfach erwähnte Apollodoros, der zu den reichsten Athenern seiner Zeit gehörte. Stephanos hatte diesem bei mehreren Gerichtsverhandlungen gegenübergestanden und ihm auch schmerzhafte Niederlagen zugefügt.[23] Zwischen 343 und 340 brachte Theomnestes als Stellvertreter des Apollodoros nun eine Bürgerrechtsklage (xenías graphe) gegen Neaira ein, die eigentlich Stephanos treffen sollte. Laut dieser Anklage war Neaira zu Unrecht mit Stephanos verheiratet, und ihre Kinder würden widerrechtlich als Athener Bürger ausgegeben.[24] Die meiste Zeit über führte Apollodoros das Wort der Anklage und versuchte, Neaira einen großangelegten Betrug nachzuweisen. Von Beginn an wurde jedoch auch offen erwähnt, dass es eigentlich nur um die Rache an Stephanos ging. Dabei wurde eine Klage gegen eine dritte, eigentlich unbeteiligte Person wie Neaira als legitim angesehen.[25] Apollodoros legte ausführlich die Lebensgeschichte der Neaira dar und schilderte, wo er nur konnte, ihre angebliche Verderbtheit. Ebenso versuchte er mit heute zum Teil abenteuerlich anmutenden Argumenten zu beweisen, dass alle Kinder des Stephanos eigentlich Kinder der Neaira waren. Stephanos habe gegen Gesetze verstoßen, die Ehen mit Nicht-Athenerinnen und ehemaligen Prostituierten untersagten. Auch die Beweise, die Apollodoros für eine Ehe – die sich kaum vom Konkubinat unterschied und vor allem an der Stellung gemeinsamer Kinder zu erkennen war – sind nicht sehr stichhaltig.[26]. Doch ist heute nur noch die Anklagerede und nicht das Ergebnis des Prozesses bekannt. Die erhaltenen Quellen berichten nichts vom weiteren Schicksal der wichtigsten Beteiligten. Neaira durfte, entsprechend den Gepflogenheiten der athenischen Männergesellschaft, nicht einmal als Zuschauerin an Prozess teilnehmen, obwohl ihre Niederlage die erneute Versklavung nach sich gezogen hätte. Darüber hinaus wäre in diesem Fall der rechtliche Status der Kinder äußerst unsicher geworden, und Stephanos hätte auf sein Vermögen, seine Bürger- und Ehrenrechte verzichten müssen.[27] Rezeption Obwohl über keine andere Prostituierte des Altertums so viele Informationen bekannt sind, ist Neaira heute weniger bekannt und nicht so legendär wie beispielsweise die beiden Lais, Thaïs oder Phryne. Die Anklageschrift gegen Neaira bietet den Historikern eine Schlüsselquelle zur Kultur-, Familien- und Ehegeschichte Athens sowie zur Prostitution und zum Hetärenwesen im antiken Griechenland. Überliefert wurde die Anklage, die Theomnestes und Apollodoros vor Gericht gehalten hatten, in einer Sammlung von Reden des Demosthenes, dem Apollodoros politisch nahe stand. Heute ist jedoch klar, dass diese Rede zu den pseudo-demosthenischen Reden gehört und nur fälschlicherweise so überliefert wurde. Eine eigene Persönlichkeit der Neaira ist aus den Quellen schwerlich zu rekonstruieren. Da Neaira immer nur als Mittel zum Zweck einer bestimmten Sache benutzt wurde, tritt ihre Person immer in den Hintergrund. Keiner der Autoren - in erster Linie natärlich Apollodoros - ist wirklich an einer Charakterisierung Neairas interessiert oder gar gelegen. Wenn einmal eine Charakterisierung erfolgt, dann nur um die Anklage zu unterstützen, nicht jedoch im Wunsch einer objektiven Darstellung. Somit wissen wir zwar vieles von verschiedenen Abschnitten ihres Lebens, über ihre eigenen Wünsche, über Sorgen, Nöte oder den Charakter können wir jedoch nichts sagen, höchstens Vermutungen anstellen. Gerade in den letzten Jahren ist die Rede und das Leben der Neaira immer öfter das Ziel von Spezialuntersuchungen. Debra Hamel schrieb 2004 sogar eine Monografie dazu, die ebenso wie die Rede selbst von Kai Brodersen ins Deutsche übersetzt wurde. Trotz der neuesten Untersuchungen finden sich selbst bei modernen Historikern und Historikerinnen auch heute noch Personen, die die Anklageschrift des Apollodoros für bare Münze nehmen und in der wissenschaftlichen Literatur die leicht zu widerlegenden Behauptungen des Anklägers weitertragen. So behauptet noch Sarah B. Pomeroy[28], dass Phano Tochter der Neaira war und sie allein und als Hetäre drei Kinder aufgezogen hatte. Bildnisse Neairas, auch spätere Phantasieprodukte, sind aus der Antike nicht überliefert. Quellen Athenaios 13,593f.–594a Pseudo-Demosthenes or. 59 Deutsche Übersetzung in: Kai Brodersen: Antiphon, Gegen die Stiefmutter, und Apollodoros, Gegen Neaira (Demosthenes 59). Frauen vor Gericht. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 2004 (Texte zur Forschung, 84), ISBN 3-534-17997-8. Literatur
Referenzen
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