Homer

Mutmaßliche Büste Homers Römische Kopie eines originals um 150 v. Chr. H: 0.41 m , Museum of Fine Arts, Boston, USA

Homer lebte vermutlich im 8. Jahrhundert v. Chr. (oder auch später) in Kleinasien. Schon in der Antike wurde über Homers Person und Herkunft diskutiert: Smyrna, Athen, Ithaka, Pylos, Kolophon, Argos und Chios stritten darum, sein Geburtsort zu sein. Eine der Legenden sagt, er sei am Fluss Meles als uneheliches Kind geboren worden, sein ursprünglicher Name habe Melesigenes (Der vom Meles Stammende/Geborene) gelautet. Er starb vermutlich auf der Insel Íos. Anders als über seinen Vater sind sich mehrere Quellen einig, dass seine Mutter Kreitheïs hieß. In der Antike wurde er oft als blinder Greis dargestellt. Trotz dieser schon damals regen Spekulationen über seine Herkunft, sein Aussehen und seine Lebensdaten, ist bis heute nicht ganz geklärt, ob eine historische Person „Homer“ überhaupt existiert hat. Die Darstellung Homers als eines blinden, armen Wandersängers geht unter anderem auf den Dichter des unter Homers Namen verfassten Apollon-Hymnus zurück, der aber höchstwahrscheinlich nicht von ihm stammt. Gegen diese Darstellung sprechen die für sein Werk erforderlichen genauen Kenntnisse der oberen aristokratischen Schichten, die ein armer Wandersänger nicht besaß. Aber da die Epen als ursprünglich mündlicher Vortrag vor in erster Linie aristokratischem Publikum Gehör fanden, wobei die Sänger (oder auch Rhapsoden) z.T. längere Zeit in dem Oikos des Adeligen wohnten und zu dessen Unterhaltung beitrugen, ist es durchaus denkbar, dass auch Homer mit der Lebensart seiner Gastgeber vertraut war und zu dieser Bevölkerungsgruppe gehörte. Fahrende Sänger, die von Fürstenhof zu Fürstenhof zogen, finden sich auch in den Epen (etwa Phemios am Hof des Phäakenkönigs Alkinoos) - einige Forscher vermuten hier autobiographische Elemente, die Homer in die Epen einfließen ließ.

Homer, Ios Didrachme, Homer, Smyrna,

Werke

Die Epen

Berühmt geworden ist Homer als Dichter zweier der frühesten Epen der Weltliteratur, der Ilias und der Odyssee. Seine Autorschaft ist allerdings umstritten

Gesichert scheint die Herkunft der Epen aus dem griechischen Kleinasien. Sie wurde durch die sprachliche Analyse der Werke, die beide im ionischen Dialekt des Griechischen geschrieben sind, bestätigt. Ilias und Odyssee sind die ersten großen Schriftzeugnisse der griechischen Geschichte: Mit ihnen beginnt nach klassischer Ansicht die europäische Kultur- und Geistesgeschichte.

Homerische Sprache und Redaktion

Die Grundsprache ist das Ionische der früharchaischen Zeit, durchsetzt mit Beispielen des äolischen Dialektes und offenbar aus älterer Tradition stammenden Überlieferungen. Aufgrund des mündlichen Charakters tauchen viele Zeilen als "Lückenfüller" wiederholt auf, die geflügelten Worte. Bis in die hellenistische Zeit existierten verschiedene Textredaktionen, wobei die ersten Versuche einer Kanonisierung bis in die Zeit des Peisistratos hineinreichen. Die heutige Fassung wurde von Aristarchos von Samothrake redigiert und mit der noch heute verwendeten Gesangeinteilung versehen

Datierung der Epen

Um die homerischen Epen zeitlich einzuordnen bedient man sich mehrerer Vergleiche. Zum einen wird das Verhältnis zur Hesiodischen Epik herangezogen, die im 7 Jh. v. Chr. entstand. Dann gibt es Anspielungen auf dem Nestorbecher (730-720 v. Chr.), die auf Partien in der Ilias zu weisen scheinen. Hinzu kommt das historische Umfeld in der 2. Hälfte des 8 Jh., das für die Entstehung der Epen wichtig war, weil ab dem 7. Jh. die dargestellte unangefochtene Adelskultur nicht mehr bestand. Der letzte Punkt sind Partien in der Ilias, die auf Ereignisse im 7. Jh. zu verweisen scheinen. All diese Hinweise sind jedoch nicht eindeutig. So setzt der Nestorbecher die Ilias nicht zwingend voraus und Hesiod wird bisweilen auch älter geschätzt als Homer. Des Weiteren lassen sich die Partien in der Ilias auch anders auswerten und Literatur kann auch anachronistisch sein, weshalb eine Datierung auf Grund historischer Ereignisse sehr schwer fällt. Doch sprechen die Indizien hauptsächlich für die 2. Hälfte des 8. Jh. v. Chr.


Der blinde Homer wird geführt (Gemälde von William-Adolphe Bouguereau)


Homerische Frage

Die literaturwissenschaftliche Frage nach der Urheberschaft Homers wird die Homerische Frage genannt. Im Hintergrund geht es dabei um das Problem, ob Homer (sollte er denn gelebt haben) tatsächlich Verfasser der beiden Epen ist – das ist allerdings vom Philologischen her unwahrscheinlich, da zwischen Ilias und Odyssee sprachlich ca. 50 Jahre liegen – oder ob unter dem Namen „Homer“ verschiedene Dichter zusammengefasst wurden, die ältere, mündlich überlieferte Sagen verschriftlicht haben. Ein weiterer Aspekt der „Homerischen Frage“ ist die Datierung der beiden Epen: Während die einen von einer Entstehungszeit von ca. 850–800 v.Chr. ausgehen, nehmen andere einen etwa hundert Jahre jüngeren Zeitpunkt dafür an, ca. 750–700 v.Chr.

Homerische Hymnen

Die großenteils legendären antiken Viten Homers berichten außerdem von weiteren ihm zugeschriebenen Werken. Dabei handelte es sich wohl durchweg um Pseudepigraphen, von denen außer Fragmenten nur der Froschmäusekrieg komplett erhalten ist.

Besonders umstritten ist die Urheberschaft der ebenfalls Homer zugeschriebenen 33 Gedichte, die sogenannten Homerischen Hymnen, Preislieder auf griechische Götter. Sie stehen den beiden Epen stilistisch nahe. Rhapsoden pflegten sie als Einleitung zu ihren Rezitationen vorzutragen. Berühmt sind der Hymnos an Apollon und der Hymnos an Aphrodite.

Fortwirkung

Homers Fortwirkung kann gar nicht überschätzt werden.

Bereits im antiken Griechenland dienten seine Epen den politisch stark zersplitterten griechischen Stämmen und Poleis zur Gewinnung eines gemeingriechischen Selbstverständnisses (siehe Nationaldichter).

Auch für den „Volks“- und „Natur“-Begriff der deutschen literarischen Klassik und Romantik spielt Homers Dichtung die größte Rolle, weil man in ihm einen Beweis dafür sah, dass das Volk eine eigene authentische Stimme habe (vgl. Volkslied), ja, dass aus ihm die Natur selber spreche. Dieser Überzeugung in der antifürstlichen und antiklerikalen Intelligenz seit dem Sturm und Drang ist es zu verdanken, dass durch Wilhelm von Humboldt die griechische Sprache (neben dem Lateinischen) ein Kernstoff der Bildung des Humanistischen Gymnasiums wurde.

Homerische Stoffe und Themen sind dementsprechend sowohl in der klassischen griechischen, als auch in den europäischen Literaturen und Bildenden Künsten allgegenwärtig. In der gehobenen Umgangssprache finden sich dadurch heute noch aus seinem Werk viele Redewendungen und „geflügelte Worte“ (auch dieser Begriff selbst stammt von ihm).

Der Princeton-Psychologe Julian Jaynes (1920–1997) hat in seinem seinerzeit aufsehenerregendem Buch The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind die Andersartigkeit der in der Ilias geschilderten Menschen, die in Entscheidungssituationen von Göttern bzw. göttlichen Stimmen gesagt bekommen, was zu tun ist, im Vergleich zur Figur des Odysseus in seiner dem gegenüber auffälligen „Eigenständigkeit und Selbstbewusstheit“ zum Ausgangspunkt einer weit ausholenden psychohistorischen Studie über den „Ursprung des Bewusstseins“ gemacht. Die Erlebnisweise der Helden von Troja interpretiert er dort im Zusammenhang mit zahllosen anderen literaturhistorischen und archäologischen Hinweisen auf ein gleichartiges Erleben in den Jahrtausenden zuvor als Ausdruck einer vorbewussten oder präreflexiven – aufgrund einiger neurophysiologischer Spekulationen von ihm „bikameral“ genannten – Bewusstseinsstrukur, die dem heutigen Bewusstsein mit seiner ausgeprägen Reflexionsfähigkeit unmittelbar vorausgegangen sei und noch vor 3000–4000 Jahren weithin vorgeherrscht haben soll.

Beginnend 800 v. Chr. werden in den Schriften Homers u.a. erstmals auch von Kriegsverletzungen mit genauen Angaben zur Blutstillung und Wundtherapie und auch die Pflege Verwundeter beschrieben. Sie sind die ältesten literarischen Zeugnisse der frühen griechischen Heilverfahren.

Einige Altphilologen meinen, dass Platon seine Erzählung über Atlantis nach homerischem Vorbild geschrieben habe, um mit Homer zu wetteifern.

Apotheose von Homer, 1827, Jean Auguste Dominique Ingres. Die Intellektuellen und Künstler Europas feiern den Dichter.

Literatur

  • Joachim Latacz: Homer. Der erste Dichter des Abendlands. Koehler&Amelang, München 1989, 2001. ISBN 3-7338-0229-2
  • W. A. Camps: An introduction to Homer. Oxford University Press, Clarendon, Oxford 1980, 1990. ISBN 0-19-872101-3
  • Albin Lesky: Homeros. Paulysche Realencyclopädie. Suppl-Bd 11. Druckenmüller, Stuttgart 1967.
  • Joachim Latacz (Hrsg.): Homer. Die Dichtung und ihre Deutung. Wege der Forschung. Bd 634. Wiss. Buchges., Darmstadt 1991. ISBN 3-534-09217-1
  • Joachim Latacz (Hrsg.): Homer. Tradition und Neuerung. Wege der Forschung. Bd 463. Wiss. Buchges., Darmstadt 1979. ISBN 3-534-06833-5
  • I. Morris, B. Powell (Hrsg.): A New Companion to Homer. Brill, New York 1997. ISBN 90-04-09989-1
  • Robert Fowler (Hrsg.): The Cambridge Companion to Homer. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2004. ISBN 0-521-81302-6

Weblinks

Menelaos, Paris, Diomedes, Odysseus, Nestor, Achilles und Agamemnon

Homerisches Gelächter


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